Mehr oder minder erfolgreiche Taktiken…

Man nähert sich langsam dem Ende. In 2 Wochen muss ich die Stoffverteilungspläne für meine Examensklassen abgeben. Vorher werden BEIDE Fachleiter nochmal bei mir hospitieren. Einer bei den 9ern (Doppelstunde Englisch, vorgesehen für Examenslehrprobe) und der andere im 12er Kurs (Doppelstunde Bio), damit dann in meiner schriftlichen Beurteilung steht „Der Herr Referendar ist schlau genug, um im Kurssystem unterrichten zu können“. Ein Traum.

Die 10er (vorgesehen für die Examenslehrprobe in Bio) waren am Dienstag irgendwie… extrem unaufmerksam. Ich war leicht genervt. Da alle, aber auch wirklich die ganze Klasse geredet haben, war der Stundenbeginn dann dergestalt, dass ich einfach ohne einen Mucks zu sagen, angefangen habe, das Tafelbild zu entwickeln.

Schülerin 1: „Herr Referendar, warum sagen sie nichts?“
Ich: „Ich hab mich dazu entschieden, erst ab einem  bestimmten Prozentsatz von aufmerksamen Schülern, nämlich 51%, was zu sagen. Bisher sind wir bei einer Schülerin, dir, also knapp 5 %.“
Schülerin 2: „Ich höre Ihnen auch zu.“
Ich: „OK, 10 %, lohnt sich immer noch nicht.“
Schüler: „Ich würde auch gerne wissen, worum es heute geht.“
Ich: „Wir nähern uns der magischen Marke.“

Irgendwann waren sie tatsächlich  fast alle aufmerksam und ich entschloss mich, mal ein paar Worte zu sagen. Aber so richtig angetan war ich vom Verhalten der 10er  trotzdem nicht. Am Freitag kam daher eine andere Taktik zum Tragen. Eine Minute vor Stundenbeginn ging ich zu einer Schülerin.

Ich: „Hast du die Hausaufgaben gemacht?“ [Anwendungsaufgaben zu den Mendelschen Regeln]
Sie: „Nein.“
Ich: „Gut! Dann stehst du bitte auf, nimmst den Aufgabenzettel und gehst einen Schritt zur Seite.“
Sie tut es und ich setze mich auf ihren Platz.
Ich: „Und jetzt gehst du nach vorne und löst die erste Aufgabe an der Tafel.“

Sie hat es fehlerlos vorgetragen und ich habe eine andere Schülerin aufgesucht und das gleiche Spiel durchgeführt. An ihrem Platz habe ich dann ein wenig so getan, als ob ich wieder Schüler wäre.

Ich zur Banknachbarin: „Hast du die HA gemacht? Ich hab alle Aufgaben gemacht… hoffentlich sind sie richtig!“
Sie: „Sind sie bestimmt.“ (kichert)
Schülerin vor mir dreht sich um: „Shhh, ich verstehe nichts. Seien Sie bitte leiser.“
Ich: „Oh, ich wusste nicht, dass euch das auch wichtig ist bzw. ihr versucht, zuzuhören.“
Gleiche Schülerin mit einem Zwinkern: „Übrigens haben Sie sich ganz schön verändert. Letztes Schuljahr haben Sie sich mit guten Noten bei uns eingeschleimt. Da hat es gereicht, wenn wir etwas in der Stunde Erarbeitetes am Ende gut vorgetragen haben.“
Ich mit einem Zwinkern: „Aber jetzt seid ihr 10. Klasse, die Ansprüche steigen eben.“

Am Stundenende habe ich dann noch einmal nachgefragt, wieso sie in letzter Zeit so unaufmerksam sind. Teilweise wurde es auf die erst kurz zurückliegenden Ferien geschoben. Außerdem wiesen sie mich darauf hin, dass sie in anderen Fächern teilweise über Tische und Bänke gehen. Ethik ist bei denen anscheinend weniger beliebt. Mein Vorschlag, dass ich ja aggressiver auftreten könnte – ähnlich meinem Mentor, der aufgrund seiner Strenge und eindeutiger Gesten, die seinen Blutdruck beschreiben, recht unbeliebt unter Schülern ist – wurde allerdings abgelehnt. Sie meinten dann, dass ich meine Mischung aus freundlich und konsequent einfach beibehalten solle. Und angeblich lassen sie mich in der Examenslehrprobe garantiert nicht hängen. Und wenn ich an die normale Lehrprobe in der Klasse denke, dann glaube ich ihnen das sogar 🙂

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6 Antworten zu Mehr oder minder erfolgreiche Taktiken…

  1. Theni schreibt:

    Genau das hat mal eine Lehrerin bei uns gemacht. Nur dass die noch weiter ging (Füße auf dem Tisch, sie schreit durch den riesigen Raum). Hatte die Folge, dass alle über sie und den Klassenclown, den sie nachgemacht hat, gelacht haben. Geholfen hat das nix… (der eine war leise und der Rest laut…)
    Aber, äh, jetzt schon Schule? igitt igitt… Bei mir erst am Montag 😀
    und viel Glück für die Lehrproben 😉
    lg, Theni

    • Der Referendar schreibt:

      Danke für’s Daumendrücken!
      Ich weiß, im Schwabenland waren diesen Woche noch Ferien… vielleicht kann ich das ja in einem Jahr ebenfalls genießen, denn ich werde mich demnächst in BaWü bewerben 🙂

      • Theni schreibt:

        Woas? Nach BaWü??? (also, ich kenn da eine gaaaanz tolle Schule… Ist sogar in der nähe einer größeren Stadt… *hust* Ne, wir brauchen tolle neue Lehrer *ggg*)
        lg, Theni

        PS: drei Tage hintereinander gebloggt? Was ist denn das auf einmal?! 😉

      • Der Referendar schreibt:

        So, ich habe vor wenigen Stunden die Bewerbung für BaWü abgeschickt 😉
        Irgendwie bin ich die letzten Tage recht produktiv. Die anstehenden Prüfungen motivieren mich, glaube ich. Zumindest stehe ich gefühlt ständig unter Strom. Vielleicht schreibe ich ja heute auch noch was längeres. Aber erstmal muss ich Mendel-LKs korrigieren 🙂

  2. B wird Lehrerin schreibt:

    Oh ich bin gespannt ob du eine Supermethode findest! ich versuche auch herauszufinden warum ein und dieselbe Klasse bei mir in Englisch super mitmacht und und Deutsch unfassbar wuselig ist. Auf folgende Dinge wird es abwechselnd geschoben: Vorherige Lehrerin pflegte einen sehr „entspannten“ Unterrichtsstil, Deutsch kann man ja auch ohne Lernen, ist nach der großen Pause, es gibt weniger Notendruck … Ich werd nicht schlau daraus. Aber in Ethik läufst bei uns auch so wie bei euch. Das soll ich nächstes Jahr auch unterrichten. Ich liebe ja solche Fächer, aber die Schüler denken, Miteinander Reden bedeutet wildes Rumgeblöke 😉

    • Der Referendar schreibt:

      Manchmal ist es wie verhext. Das stimmt. Aber an sich ist die Klasse lieb. Die letzte Stunde war zum Beispiel 1A. Da wurden sie nur zum Ende hin unruhig. Und ich erwarte auch ehrlich gesagt nicht, dass sie 45min lang still sitzen und jede Sekunde 100% aufmerksam sind. Ich muss da nur an meine eigene Schulzeit zurückdenken und habe alles Verständnis dieser Welt 🙂

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